Archiv der Kategorie: Bericht

Globales E-Health-Barometer sieht China vorn (erschienen bei e-health-com.de am 23.09.19)

Bild: © pickup – stock.adobe.com

Der Future Health Index 2019 zeigt, dass die Digitalisierung in vielen Ländern in der medizinischen Versorgung angekommen ist – nicht zuletzt in Asien. Und: Patienten wollen Zugriff auf ihre Daten.

Der von Philips jetzt zum vierten Mal in Auftrag gegebene Future Health Index ist ein internationales Stimmungsbarometer der Weiterentwicklung eines vernetzten Gesundheitswesens. Diesmal im Mittelpunkt: die Einstellungen von Patienten und medizinischem Fachpersonal zu elektronischer Patientenakte, Telemedizin und künstlicher Intelligenz. Die neuen Technologien sind da, doch werden sie auch eingesetzt? Wie sieht der digitale Alltag in den Krankenhäusern rund um den Globus derzeit aus? Und wie wirkt sich der Einsatz auf die Qualität der medizinischen Versorgung aus?

Der Future Health Index sucht nach Antworten auf diese Fragen. So setzen nach der diesjährigen Umfrage 76 % der befragten medizinischen Fachkräfte im Klinikalltag die elektronische Patientenakte ein, 61 % nutzen telemedizinische Anwendungen und 46 % Anwendungen der künstlichen Intelligenz. Auch der elektronische Datenaustausch ist in den meisten Ländern im medizinischen Alltag angekommen. So gaben 80 % der befragten medizinischen Fachkräfte an, bereits Patientendaten innerhalb der eigenen Einrichtungen mit anderen medizinischen Fachkräften auf elektronischem Weg ausgetauscht zu haben. Für den institutsübergreifenden Austausch von Daten trifft das hingegen nur für 32 % der Befragten zu. Als Hauptgründe für den fehlenden Austausch von Patientendaten zwischen den Institutionen wurden Datenschutz, Datensicherheit, fehlender Zugriff auf die entsprechenden Systeme und mangelnde Interoperabilität angegeben.

Eindeutiger Nutzen der EPA wird noch nicht gesehen

Obwohl die elektronische Patientenakte auf dem Vormarsch ist, verbinden viele medizinische Fachkräfte mit ihrem Einsatz noch keinen eindeutigen medizinischen Nutzen. Dennoch vertraten immerhin 69 % der Befragten die Ansicht, der Einsatz elektronischer Patientenakten würde sich positiv auf die Qualität der medizinischen Versorgung auswirken. Allerdings erwarten nur 59 %, dass sich durch den Einsatz elektronischer Patientenakten auch das Behandlungsergebnis für den Patienten verbessert.

Die Bedeutung telemedizinischer Anwendung wird von den medizinischen Fachkräften noch geringer eingeschätzt. 39 % der Befragten gaben an, bei ihrer täglichen Arbeit überhaupt keine Telemedizin einzusetzen. Nur gut ein Drittel der medizinischen Fachkräfte (33 %) bewertete den Einfluss der Telemedizin auf die Patientenerfahrung in den letzten fünf Jahren als positiv.

Auf Seiten der Patienten können sich hingegen 45 % den Einsatz von telemedizinischen Fernkonsultationen in nicht dringenden Fällen vorstellen, um schneller oder überhaupt auf medizinische Dienstleistungen zugreifen zu können. 71 % der befragten Patienten gaben an, schon mal einen Arztbesuch ausgelassen zu haben, obwohl eine medizinische Indikation für einen Arztbesuch bestand. Als Hauptgründe gaben die Befragten die Schwierigkeit der Vereinbarung eines Arzttermins, Zeitmangel, eine fehlende Überweisung vom Hausarzt oder die Nicht-Verfügbarkeit eines Spezialisten in der eigenen Region an.

KI: Sowohl Offenheit als auch Vorbehalte
Den Einsatz künstlicher Intelligenz kann sich eine Mehrheit der medizinischen Fachkräfte der Befragten beim Kennzeichnen von Anomalien (59 %), der Patientenüberwachung (63 %) und der Personal- und Patientenplanung (64 %) vorstellen. Beim Einsatz von künstlicher Intelligenz für Behandlungsempfehlungen, die Durchführung von Behandlungsplänen oder auch für die Diagnose haben mehr als die Hälfte der medizinischen Fachkräfte noch Vorbehalte.

Auch der wechselseitige Austausch von Gesundheitsdaten zwischen medizinischen Fachkräften und Patienten ist noch keineswegs im medizinischen Alltag angekommen. Zwar gaben zwei Fünftel (40 %) der medizinischen Fachkräfte an, ihre Patienten regelmäßig anzuweisen, Blutdruck, körperliche Aktivität und Gewicht mithilfe digitaler Technologien oder mHealth-Apps zu erfassen, jedoch nur ein Zehntel versicherte, dass die meisten oder alle ihrer Patienten auch Daten mit ihnen geteilt hätten. Nur ein Drittel (36 %) der Patienten, die Digital Health-Technologien oder mHealth-Apps verwenden, gaben an, regelmäßig Daten mit medizinischen Fachkräften auszutauschen. Als Hauptmotivation für das Tracken von Gesundheitsdaten nannten die befragten Patienten „Bequemlichkeit“ (42 %), „die Möglichkeit, mehr über sich selbst zu erfahren“ (35 %) und „mehr Kontrolle über die eigene Gesundheit“ (34 %).

Patienten wollen Datenzugriff
Laut der Studie hat die Mehrzahl der Patienten ein Interesse daran, in den Besitz der eigenen Gesundheitsdaten zu gelangen. So wünschten sich 63 % der Patienten, die noch ohne Zugriff Zugriff auf ihre elektronische Patientenakte waren, einen entsprechenden Zugriff. Hauptmotivation: bessere Verwaltung der eigenen Gesundheit (43 %), mehr Kontrolle (36 %) und Bequemlichkeit.

Die Autoren der Studie sehen die Möglichkeit des Patienten, auf die eigene elektronische Patientenakte zugreifen, als Schlüssel für Bereitschaft des Patienten an, persönliche Gesundheitsdaten an medizinische Fachkräfte weiterzugeben. 84 % der Patienten mit Zugriff auf die eigene elektronische Patientenakte möchten, dass auch die eigenen medizinische Fachkräfte Zugriff auf die Daten haben. Insbesondere die jüngere Generation der medizinischen Fachkräfte (18 bis 34 Jahre) verspricht sich davon eine bessere Erfahrung für den Patienten. 40 % der Patienten über 55 gaben an, Digital Health-Technologien und mHealth-Apps möglicherweise eher zu verwenden, wenn sie von medizinischen Fachkräften eine entsprechende Empfehlung erhielten.

China und Saudi-Arabien vorn
Als Musterspiel für den Einsatz von Digital Health-Technologien gilt China. In China werden Technologien zum Tracken von Gesundheitsdaten (Blutdruck, körperliche Aktivität, Gewicht) von medizinischen Fachkräften nicht nur deutlich öfter empfohlen als im Gesamtschnitt der 15 untersuchten Länder, sondern Patienten, die diese Technologien nutzen, sehen in den damit erhobenen Daten auch deutlich öfter einen Anlass, einen Arzt aufzusuchen (80 % gegenüber 47 % im 15-Länder-Schnitt). Danach folgen Saudi-Arabien (74 %) und Indien (70 %).

China und Saudi-Arabien gelten als die Vorreiter bei der Einführung von Digital Health-Technologien. Aber auch Indien und Russland liegen laut der Studie in einzelnen Bereichen vorne. So neigt das medizinische Fachpersonal in diesen vier Ländern z. B. eher zur Einführung telemedizinischer Lösungen, was die Studie zum Teil auf die geringe Arztdichte und den Bedarf nach alternativen Versorgungsmöglichkeiten zurückführt. Auch ziehen beispielsweise die Patienten in China (44 %) und Russland (40 %) in nicht kritischen Fällen eine Fernkonsultation einem privaten Arztgespräch deutlich eher vor als im 15-Länder-Schnitt (27 %).

Mediziner in Asien trauen Patienten mehr digitale Kompetenz zu als in Europa

Insgesamt attestiert die Studie Digital Health-Technologien einen positiven Einfluss auf die Gesundheitsversorgung sowohl für das medizinische Fachpersonal als auch für die Patienten, betont aber die Unterschiede im internationalen Vergleich. So attestieren 80 % der medizinischen Fachkräfte in Asien der Verwendung der elektronischen Patientenakte im medizinischen Alltag einen positiven Einfluss auf die Qualität der medizinischen Versorgung, in den USA hingegen nur 51 %. Für ein „besseres Verständnis der eigenen Gesundheit“ schreiben 67 % des medizinischen Fachpersonals in Asien der Gesundheitsakte einen positiven Effekt zu, in europäischen Ländern sind es hingegen nur 31 %, was z. B. mit dem deutlich ausgeprägteren Einsatz von künstlicher Intelligenz im asiatischen Gesundheitswesen (66 % gegenüber 33 % in Europa) zusammenhängen könnte.

Auch was die Bedenken beim Teilen von Daten über verschiedene Institutionen hinweg angeht, gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Kulturen. So machen den medizinischen Fachkräften in Asien vor allem der Datenschutz (68 % gegenüber 50 % in Europa) und die Datensicherheit (62 % gegenüber 48 % in Europa) Sorge, in Europa scheitert der Datenaustausch eher an einem Mangel an Interoperabilität (57 % gegenüber 42 % in Asien) und einem fehlenden Zugriff auf entsprechende Systeme (59 % gegenüber 38 % in Asien).

Der Future Health Index wurde 2016 von Philips ins Leben gerufen und gilt als repräsentatives Stimmungsbild für die Einstellungen und Wahrnehmungen im internationalen Gesundheitswesen im Rahmen der Einführung eines digital unterstützten Gesundheitswesens. Für die diesjährige Studie wurden 15.000 Einzelpersonen und über 3.100 medizinische Fachkräfte aus 15 verschiedenen Ländern (Australien, Brasilien, China, Frankreich, Deutschland, Indien, Italien, Niederlande, Russland, Saudi Arabien, Singapur, Südafrika, Polen, Vereinigtes Königreich und die USA) (online) zu ihren Einstellungen im Umgang mit digitaler Gesundheitstechnologie befragt.

Link zur Veröffentlichung

Dieser Browser will es besser machen als Google Chrome (erschienen bei Perspective Daily am 20.08.19)

Bild: Brave Software

»Brave« soll die Daten seiner Nutzer schützen und gleichzeitig den Werbemarkt im Netz neu regeln. Wie funktioniert das? Und reicht es, um der gigantischen Konkurrenz gefährlich zu werden?

Wer mit dem »Brave Browser« durchs Web surft, lernt das Internet ganz neu kennen. Altbekannte Seiten voller Werbebanner erstrahlen plötzlich in strahlendem Weiß. Denn: Der neue Browser macht mit Werbeanzeigen kurzen Prozess. Kein Bannerfeuerwerk, stattdessen endlich Ruhe und Ordnung für reizüberflutete User. Brave blockt Werbe- und Tracking-Technologien, egal ob Cookies, Fingerprints, Skripte oder sogar Social-Media-Anmeldebuttons. Gleichzeitig sollen bei Brave keine Nutzerdaten ins Netz übertragen werden.

Es ist kein Zufall, dass die Macher von Brave ausgerechnet mit besserem Datenschutz und einem besseren Umgang mit der Werbung den Angriff auf Google Chrome wagen, den Platzhirsch auf dem Browsermarkt. Denn während Chrome als technisch überlegen gilt, lebt Google von Daten und Werbung – und genau das ist immer mehr Nutzern ein Dorn im Auge.

Aber wie genau will Brave die Werbung und den Datenschutz neu regeln? Und reicht das, um die Kräfteverhältnisse im Netz neu zu mischen?

Werbung: Klasse statt Masse
Der Brave Browser soll das Verhältnis zwischen Werbetreibenden, Seitenbetreibern und -nutzern neu ordnen. Die Werbetreibenden stecken in einem Überbietungswettkampf gegen andere Werbung, laute, schrille Banner sind die Folge. Die Nutzer selbst sind – nun ja – genervt, wollen für Inhalte aber auch ungern bezahlen. Gleichzeitig sind die Seitenbetreiber auf Werbung angewiesen.

Deshalb will Brave die Werbung nicht komplett abschaffen, sondern in schlichtem Design anzeigen und die Einkünfte anders verteilen.

Doch klicken die User überhaupt noch, wenn es nicht blinkt und piept?

Die Macher von Brave behaupten: Ja! Die User würden, wenn sie selbst entscheiden könnten, ob sie eine Werbung überhaupt sehen möchten, den Werbeeinblendungen länger ihre Aufmerksamkeit schenken und so würden die Streuverluste für Werbetreibende deutlich verringert. Brave spricht von einer Klickrate von durchschnittlich 22,3%, also klickt im Schnitt jeder fünfte Nutzer, dem eine Werbung in Form einer schlichten Benachrichtigung angezeigt wird, auch darauf. Bei heute gängigen Werbenetzwerken liegt die Klickrate in der Regel bei 1–3%.

Laut Gründer und Geschäftsführer Brendan Eich, ehemals Chef der »Mozilla Corporation«1, soll zudem »bei 28% der erfolgten Klicks die Aufenthaltsdauer auf den Seiten, auf die die Werbung führt, mindestens 10 Sekunden betragen haben. Normalerweise verbringen User wesentlich weniger Zeit auf dieser sogenannten Landingpage.

Ein weiterer Vorteil für Nutzer: Durch die Interaktion mit den eingeblendeten Werbeanzeigen können sie auch selbst virtuelles Geld verdienen. Das Belohnungsprogramm »Brave Rewards« setzt dazu auf digitale Wertmarken2, die über Partnerprogramme etwa gegen Restaurant-Gutschriften, Übernachtungen bei beteiligten Hotelketten oder Geschenkgutscheine von Firmen wie Amazon oder Apple eingetauscht werden können. Ein Payback-Programm fürs Internetshopping, sozusagen.

Je mehr Aufmerksamkeit der User einem Werbeangebot widmet, desto mehr Tokens bekommt er auf sein Konto gutgeschrieben. Laut Brave sollen so 70% der Gesamtwerbeeinnahmen an den User gehen, die übrigen 30% landen bei Brave.

Brave Software hat allerdings angekündigt, dieses Modell Ende des Jahres noch einmal zu ändern – zugunsten der Seitenbetreiber. Für den Moment geht es Brave wohl noch darum, möglichst viele Benutzer anzulocken, mit der bevorstehenden Änderung will Brave dann wohl für die Seitenbetreiber attraktiver werden3.

Brave speichert deine Daten nur lokal
Die zweite große Stärke gegenüber den »großen« Browsern ist der Datenschutz. Wie bei klassischen Werbenetzwerken üblich, wertet auch Brave das Surfverhalten der Nutzer aus, um passgenaue Anzeigen liefern zu können. Laut dem Hersteller verlassen die persönlichen Daten des Benutzers aber zu keinem Zeitpunkt den lokalen Browser – auch nicht in die Cloud von Brave Software.

»Privacy-preserving ads« nennt der Hersteller das dahinterstehende Konzept. Die Nutzer werden zwar durchleuchtet, aber nur von ihrem lokalen Rechner aus. Wenn sie den Browserverlauf wieder löschen4, ist also das über sie gesammelte Wissen wieder verschwunden.

Das verhindert auch Situationen, wie sie bei Software der großen Konzerne immer wieder vorkommen: Diese erheben zugleich Daten in sensiblen Kategorien wie Krankheit, Sexualität oder politische Einstellung.

Das kann mitunter zu fragwürdigen Suchergebnissen und Werbeeinblendungen führen: Wer sich über die schwere Krankheit der Mutter informiert, könnte Bücher zum Thema Sterbehilfe angeboten bekommen. Wer etwas über »Queerness« liest, könnte fortan mit »besonderen« Tourismusangeboten versorgt werden. Und wer einmal auf der Website der AfD recherchiert, wird mit Modelabeln oder Pressepublikationen aus der rechten Ecke in Verbindung gebracht. Keine schöne Erfahrung.

Reicht das für den Angriff auf Google?
Hat Brave nun das Zeug dazu, Chrome gefährlich zu werden?

Brave wirkt auch nach fast 4 Jahren Entwicklungszeit noch unfertig. Der Browser ist schnell, doch der Komfort, den Nutzer von Chrome oder Firefox gewöhnt sind, fehlt: Es gibt nur wenige Plugins, grundlegende Funktionen wie ein Button, mit dem sich Seiten spontan als Lesezeichen hinzuzufügen lassen, werden erst nach und nach hinzugefügt5. Und das ein oder andere Banner huscht noch immer unter dem Radar hindurch und durchbricht die weiße Stille beim Surfen.

Für Technikfreunde, denen Datenschutz wichtig ist und die die Übermacht von Google und Co. als Bedrohung wahrnehmen, ist Brave definitiv eine Alternative. Um Chrome und Firefox ernsthaft Konkurrenz zu machen, muss der Browser allerdings noch ein paar Schippen drauflegen bei der Benutzerfreundlichkeit.

—-
1 – Mozilla ist bekannt für seinen Browser »Firefox« und das E-Mail-Programm »Thunderbird«. Die Open-Source-Software »Firefox« hatte vor 10 Jahren noch einen Marktanteil von rund 1/3, hat inzwischen aber viel auf Google Chrome verloren und wird heute noch von etwa jedem zehnten Nutzer zum Surfen genutzt.

2 – Die sogenannten BAT-Tokens werden im Browser-eigenen Wallet hinterlegt, einer Art digitalem Geldbeutel. Hier kann der User auch Kryptowährungen (Bitcoin, Ethereum, BAT-Tokens, Litecoin) einzahlen. Über eine »Auto Pay«-Funktion lässt sich ein fester Betrag festlegen, der monatlich an die Publisher überweisen wird. Auch Extra-»Trinkgelder« für die eigenen Lieblingswebsites sind möglich.

3 – Laut Brave Software nehmen derzeit über 28.000 verifizierte Seitenbetreiber am »Brave Ads Certified Vendor Program« von Brave teil, darunter auch prominente Vertreter wie die britische Tageszeitung »The Guardian« oder die amerikanischen Tageszeitungen »Washington Post« und »LA Times«.

4 – Ein weiterer Vorteil: Brave Software verspricht Seitenbetreibern außerdem Konformität mit der e-Privacy-Verordnung der EU, die 2020 verabschiedet werden soll. Mit der Verordnung soll der Datenerhebung mittels Cookies noch deutlichere Grenzen gesetzt werden.

5 – Die Lesezeichen-Schnell-Funktion etwa fehlte noch zu Beginn der Recherche für diesen Text, stand nach einem Update aber plötzlich zur Verfügung.

Link

Das große Aufrüsten

Bild: DAI Heidelberg

Beim International Science Festival „Geist Heidelberg“ referierten die Technikpublizisten Constanze Kurz und Frank Rieger über neue Sicherheitsbedrohungen aus dem Netz.

Mit dem Begriff „Cyberwar“ verbinden die meisten von uns eher fiktionale Szenarien. Wie abhängig wir von der digitalen Infrastruktur inzwischen tatsächlich geworden sind (und wie verwundbar sie uns macht), das rufen wir uns im Alltag eher selten ins Gedächtnis. In den Medien erleben wir den Krieg im Netz meist als zwischenstaatliches Szenario. Da sind die großen Aufmacher wie der NSA-Skandal (2013), der Bundestagshack (2015) oder auch die WannaCry-Angriffe (2017), hinter denen nordkoreanische Interessen stehen sollen.

Auch Frank Rieger bezeichnete das Thema Cybersicherheit als eine „eher dunkle Stelle im Denken“. Dass diese Bedrohung sehr real ist, daran ließen die beiden Informatik-Experten an diesem Abend aber keinen Zweifel. Es gebe inzwischen ein großes Bedürfnis auch der deutschen Sicherheitsbehörden wie Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt oder auch der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITiS) im Konzert der Cybermächte „endlich mitmischen“ zu wollen, so Rieger. Die Cybermächte, das seien die sog. „Five Eyes“ (USA, Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland) und natürlich China und Russland. Aber auch kleinere Länder wie Nordkorea, der Iran oder Israel seinen sehr aktiv, so die Autoren des Buchs „Cyberwar – Die Gefahr aus dem Netz: Wer uns bedroht und wie wir uns wehren können“.

Constanze Kurz attestierte der Hacker-„Branche“ eine inzwischen „hohe Professionalisierung“, die den letzten Jahren deutlich gestiegen sei. Es habe sich ein regelrechter Markt für IT-Überwachungs- und Intrusionsdienstleistungen gebildet, z. B. in Form der in Mailand gegründeten Firma Hacking Team, für deren Produkte sich auch das BKA interessiert habe. Die Preise für das Kaufen solcher „Werkzeuge“, die sicheren Zugriff auf zentrale Infrastrukturen gewährleisteten, hätten sich den letzten Jahren „verzehnfacht“, so Kurz. In Saudi Arabien habe man beispielsweise Schadsoftware in Industriesteuerungscomputern zur Regelung des Drucks und der Temperatur von Erdölanlagen gefunden. Da stelle sich natürlich die Frage „Wem nutzt das?“. Die genaue und direkte Zuordnung der Verursacher im Netz sei sehr schwierig.

In diesem Wettbewerb der Cyberwaffen versuchten Sicherheitsbehörden wie die CIA auch zunehmend eigene Strukturen wie spezielle Venture Capital-Fonds zur Gründung eigener Firmen aufzubauen, um unabhängiger vom Markt zu werden. Das alles seien „keine Geheimwissenschaften“, so die Informatikerin, die Preislisten seien öffentlich einsehbar. Um ein langfristiges wechseleitiges Aufrüsten zwischen den Staaten zu verhinden, plädierten Rieger und Kurz im Verlauf des Abends mehrfach für eine defensive Strategie der zwischenstaatlichen Verträge.

Der neue „rechtsfreie Raum“ der Cyber-Aufrüstung sei nicht zu tolerieren, so Kurz in einem leidenschaftlichen Plädoyer. Es könne nicht sein, „dass wir uns daran gewöhnt haben, dass die Geheimdienste machen was sie wollen“. Das Thema müsse verstärkt auf die Agenda der politischen Parteien gesetzt werden, z. B. in Form einer Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags.

Constanze Kurze beklagte auch eine „fehlende Ethik“ im Ingenieursgewerbe für Software. Auch „Microsoft-Monokulturen“ beförderten die Sicherheitsanfälligkeit. Daran anknüpfend forderte Frank Rieger ein Label für die Garantie von Sicherheitsupdates der Hersteller, so „wie ein Etikett bei Waschmaschinen für den Energieverbrauch“.

Was jeder Einzelne von uns den gegen diese neue Strukturen unternehmen könne?, fragte ein Zuhörer. Constanze Kurz empfahl den Ratgeber „Eine kurze Anleitung zur digitalen Selbstverteidigung“ der Digitalen Gesellschaft Schweiz. Denn der Cyberkrieg beginnt (auch) auf jedem einzelnen Rechner – ganz real.

Wenn die Gedanken nicht mehr frei sind

Bild: DAI Heidelberg

Miriam Meckel sprach auf dem International Science Festival „Geist Heidelberg“ über die schöne neue Welt des „Brainhacking“.

Sind wir eines Tages vielleicht nicht mehr Herr über die Gedanken in unserem Kopf? Dieser zentralen Frage widmete sich die Professorin und Herausgeberin der Wirtschaftswoche Miriam Meckel an einem der symbolträchtigsten Orte für das freie Denken in Heidelberg – der Alten Aula.

Das Internet gilt inzwischen als das technische Rückgrat fast aller Lebensbereiche. Warum also nicht auch das Gehirn daran anschließen? Aus Sicht der Technologie-Historie spräche jedenfalls einiges dafür, dass dies eines Tages passieren werde, so die Professorin. Vielleicht seien wir sogar gezwungen dazu, um mit den künstlich intelligenten Maschinen mithalten zu können. Es gäbe immer mehr Maschinen, die zunehmend Domänen eroberten, die bisher ausschließlich dem Menschen vorbehalten waren. Anders gesagt: Wenn die Software schöner dichtet als der Mensch, was macht uns dann noch aus?

Gedanken „lesen“, Gedanken „schreiben“ und die „Vernetzung“ von Gehirnen, all das fände bereits statt, so Meckel. Probanden von „BrainGate“, einem Projekt zur Erforschung von Gehirn-Computer-Schnittstellen, die am Locked-in-Syndrom (einer fast vollständigen Lähmung des Körpers) leiden, hätten gelernt, per Gedanken eine Roboter-Protese zu steuern – mit überwältigender emotionaler Resonanz über das Ergebnis. „Ich habe mich gefühlt wie der Mensch, der ich einst gewesen bin“, zitierte Meckel eine Probandin.

Auch das Schreiben von Text mit der reinen Kraft der Gedanken sei bereits möglich. Facebook entwickle ein Gerät, mit dem sich 100 Wörter pro Minute allein durch Gedankenkraft diktieren ließen. „Das ist schneller als mancher Mensch denkt“, so Meckel.

Doch an einer solchen neuen Schnittstelle lauern für sie auch die größten Gefahren. Sind alle Worte, die am Sprachzentrum ankommen, dann auch für die Öffentlichkeit freigegeben? Bzw. für Facebook? Zuhause „Briefe vor sich hinzudenken“ sei eine durchaus bequeme und verlockende Lifestyle-Option, doch entstünde dadurch nicht z. B. auch ein neuer Markt im Gehirn? Wollen wir Facebook wirklich bis in die Tiefen unserer Gedankenwelt vordringen lassen?

Meckel warnte vor dem „Bild der Maschine“, das über das, was den Menschen eigentlich ausmache, „das Nicht-Binäre“, gestülpt werde. Medizinische Fortschritte seien hingegen sorgfältig abzuwägen, z. B. im Bereich der Optogenetik, wo sich bei Mäusen durch die gezielte Manipulation von Hirnarealen per Laser Depressionen lindern ließen. Und auch ein „organisches Internet“ gäbe es schon. Zwei Ratten hätten in Experimenten bereits „Gedanken“ über das Internet ausgetauscht. Das Lernmuster zum Lösen einer einfachen Konditionierungsaufgabe wurde per Internet von einem Rattenhirn auf das andere Rattenhirn übertragen.

Mit Experimenten wie diesen sieht Meckel auch den Menschen eine „neue existenzielle Dimension“ ansteuern, nämlich die Möglichkeit eines „kollektiven Bewusstseins“ und eines „gemeinsamen Denkens“. Die Fragen, die damit entstünden: Was bedeutet in einem solche Prozess Identität? Kann ich mich dann überhaupt noch selbst erkennen?

Die Idee des Individuums der Aufklärung sei in Gefahr, so Meckel. Ein „Kampf um die Ressource des Denkens“ könne entstehen, der Geist – zur „Ware“ degradiert – zur „Wettbewerbszone“ verkommen. Damit wären wir im Zeitalter des „Neurokapitalismus“ angekommen.

Es läge an uns, zu entscheiden, was wirklich passieren soll, so Meckel. Eine „Reduktion von Komplexität“ durch eine neue Technik sei nicht wünschenswert.

Und auch wenn diese Entwicklung für uns im Alltag noch weit weg sei, so gelte es jetzt die richtigen Entscheidungen zu treffen. Miriam Meckels Plädoyer: „Denken Sie nach! Sie haben die Freiheit dies zu tun.“

Der viel zu rasante Fortschritt?

Bild: DAI Heidelberg

Im Rahmen des International Science Festival „Geist Heidelberg“ diskutierte Wirtschaftsjournalist Thomas Schulz mit Heidelberger Vertretern aus Wirtschaft und Medizin über die neue digitale Datenmedizin aus dem Silicon Valley.

„Was ist das nächste große Ding?“. Mit dieser Frage eröffnete der Spiegel-Journalist und langjährige Silicon Valley-Korrespondent Thomas Schulz (neues Buch: „Zukunftsmedizin“) seinen Vortrag über die neue digitale Medizin aus Kalifornien. Eine Frage, die dort offenbar täglich gestellt wird. Und um das herauszufinden, gibt es wohl nur einen Weg: „Follow the money“, so Schulz und ließ die Zahlen purzeln: 1 Milliarde US-Dollar Startkapital für „Grail“, einem Biotechnologie-Startup, das eine Krebs-Früherkennung per Bluttest entwickelt, 500 Millionen US-Dollar für die Erzeugung von menschlichen Organen aus dem 3D-Drucker, 600 Millionen US-Dollar für den Chan Zuckerberg Biohub, einem Gemeinschaftskonsortium der Universitäten Berkeley, UCSF und Stanford, das an der Entdeckung neuer Zelltypen arbeitet, und nochmal 1 Milliarde US-Dollar für Calico von Google, einem Biotechnologie-Unternehmen, das den menschlichen Alterungsprozess aufhalten will.

„Wenn Sie ein kluger Kopf sind und mit einer guten Idee zur Sparkasse gehen, dann bekommen sie dort vielleicht 500.000 Euro. Im Silicon Valley unter Umständen gleich 50 Millionen Dollar. Wo würden Sie dann hingehen?“, wies Thomas Schulz auf die extremen Unterschiede der Investment-Kultur in Deutschland und dem Silicon Valley hin, einer ganz besonderen Mischung aus „Utopismus und Kapitalismus“.

In seinem einführenden Vortrag betonte er vor allem die Schnelligkeit der Entwicklungen, die dort gerade stattfinden. Die Genschere CRISPR/Cas habe nach fünf Jahren Entwicklungszeit ihren ersten Einsatz am Menschen erlebt. Früher hätte so etwas mind. 30 Jahre gedauert, so Schulz. Die Entwicklung des Fortschritts verlaufe exponentiell, es gelte das Prinzip der „Konvergenz“, also das Zusammenfließen von Erkenntnissen aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen. Dabei mache die Rasanz der Forschungen der letzten Jahre auch ihn nachdenklich. Selbst gestandene Größen der Tech-Szene würden mitunter einwerfen, man verstehe gar nicht mehr, was da eigentlich gerade passiert, verwies Schulz auf ein Gespräch mit Larry Page, dem Geschäftsführer von Google.

„Es ist der Mensch und nicht die Maschine, die uns rettet!“, gab es einen lautstark aus dem Publikum vorgetragenen Einwand. Thomas Schulz bat um Geduld, verwies auf die nachfolgende Diskussionsrunde und lies dann Beispiele folgen, wo die Maschine erwiesenermaßen besser sei als der Mensch, zum Beispiel beim Hautkrebs-Screening und dem Erkennen von krankhaften Strukturen im Allgemeinen. Brauchen wir also in Zukunft vielleicht gar keine Radiologen mehr?

An diesem Punkt traten Prof. Dr. med Jürgen Debus von der Radiologischen Universitätsklinik Heidelberg und Dr. Friedrich von Bohlen, Geschäftsführer von Molecular Health, einem Unternehmen für datengestützte Präzisionsmedizin, auf. „Das ist was dran“, konstatierte Jürgen Debus nüchtern. Die Frage sei aber: „Was mache ich daraus?“. Die Maschine könne vieles besser, sie sei in vielem sicherer, aber sie sei eben nicht intelligent. Eine Maschine finde statistische Korrelationen (Wahrscheinlichkeitszusammenhänge), aber die Kausalität (Beziehung zwischen Ursache und Wirkung), die müsse immer noch der Mensch herstellen. „Mehr Freiraum für Entscheidungen“, wie Thomas Schulz es formuliert, würden die Maschinen aber in jedem Fall liefern.

Friedrich von Bohlen sieht im Computing die nächste große Medizin-Revolution, die „völlige neue Dimensionen“ in der Medizin sichtbar mache, z. B. neue Muster von Mutationen in der Krebsdiagnostik, die sich dann doch mit Verlaufsdaten und Lifestyle-Daten koppeln ließen.

Jürgen Debus betonte die Notwendigkeit „den Patienten insgesamt zu modellieren“ und dazu seinen möglichst viele Daten unabdingbar. Der Wissensschatz der Medizin sei heute so groß, dass ihn kein Mensch mehr überblicken könne. Die Radiologen von heute seien dermaßen spezialisiert, dass für die Bestrahlung eines Hirntumors und die Bestrahlung eines Prostatatumors zwei unterschiedliche Experten notwendig seien, die auf ihrem jeweiligen Fachgebiet kaum miteinander kommunizieren könnten.

Doch der freie Umgang mit medizinischen Daten birgt auch viele Gefahren, allen voran beim Datenschutz. Die Debatte um die elektronische Gesundheitsakte in Deutschland ist dafür ein Musterbeispiel.

Friedrich von Bohlen hofft darauf, dass sich das Problem vielleicht anders lösen lasse, z. B. indem die Patienten ihre Daten in Zukunft selbst auf dem Handy mit sich herumtragen. Es gebe ja heute bereits USB-Sticks, „da spucken Sie drauf, und ein paar Sekunden später haben Sie ihren DNA-Fingerabdruck in der Hosentasche.“ Für Jugendliche sei das Smartphone eh schon der Mittelpunkt ihres Lebens. Jürgen Debus sah an diesem Punkt schon eine „Anmache 4.0“ aufziehen: „Homozygot mit blauen Augen, na, wie wäre es mit uns beiden?“, warf er mit einem Schmunzeln ein.

Das sehr ernste Problem dahinter nennt Thomas Schulz „Konsumenteneugenik“. Jürgen Debus betonte, dass man die Menschen darauf vorbereiten müsse, was es bedeute „wenn man sein Genom ins Internet stellt“. Neue Technologien dürften „nicht einfach freigeschaltet“ werden.

Die neuen Technologien seien „an sich nicht gefährlich“ sagte Friedrich von Bohlen, aber könnten sich nur wenige Menschen darunter auch etwas vorstellen. Grundsätzlich sei der technologische Fortschritt nicht aufzuhalten.

Auf die Frage, wie das Gesundheitssystem mit der neuen Datenmedizin umgehen solle, plädierte Friedrich von Bohlen für neue „Belohnungsstrukturen“, die vor allem „langfristig“ angelegt sein müssten. Es müssten Anreize geschaffen werden, die Daten frühzeitig ins System zu spielen. Patienten könnten dafür z. B. in Form von Kryptowährung ausgezahlt werden, sagte er. Vielleicht hätten wir später mal einen „technischen Arzt“ und einen „menschlichen Arzt“, die beide zum Wohl des Patienten zusammenarbeiteten.