Dieser Browser will es besser machen als Google Chrome (erschienen bei Perspective Daily am 20.08.19)

Bild: Brave Software

»Brave« soll die Daten seiner Nutzer schützen und gleichzeitig den Werbemarkt im Netz neu regeln. Wie funktioniert das? Und reicht es, um der gigantischen Konkurrenz gefährlich zu werden?

Wer mit dem »Brave Browser« durchs Web surft, lernt das Internet ganz neu kennen. Altbekannte Seiten voller Werbebanner erstrahlen plötzlich in strahlendem Weiß. Denn: Der neue Browser macht mit Werbeanzeigen kurzen Prozess. Kein Bannerfeuerwerk, stattdessen endlich Ruhe und Ordnung für reizüberflutete User. Brave blockt Werbe- und Tracking-Technologien, egal ob Cookies, Fingerprints, Skripte oder sogar Social-Media-Anmeldebuttons. Gleichzeitig sollen bei Brave keine Nutzerdaten ins Netz übertragen werden.

Es ist kein Zufall, dass die Macher von Brave ausgerechnet mit besserem Datenschutz und einem besseren Umgang mit der Werbung den Angriff auf Google Chrome wagen, den Platzhirsch auf dem Browsermarkt. Denn während Chrome als technisch überlegen gilt, lebt Google von Daten und Werbung – und genau das ist immer mehr Nutzern ein Dorn im Auge.

Aber wie genau will Brave die Werbung und den Datenschutz neu regeln? Und reicht das, um die Kräfteverhältnisse im Netz neu zu mischen?

Werbung: Klasse statt Masse
Der Brave Browser soll das Verhältnis zwischen Werbetreibenden, Seitenbetreibern und -nutzern neu ordnen. Die Werbetreibenden stecken in einem Überbietungswettkampf gegen andere Werbung, laute, schrille Banner sind die Folge. Die Nutzer selbst sind – nun ja – genervt, wollen für Inhalte aber auch ungern bezahlen. Gleichzeitig sind die Seitenbetreiber auf Werbung angewiesen.

Deshalb will Brave die Werbung nicht komplett abschaffen, sondern in schlichtem Design anzeigen und die Einkünfte anders verteilen.

Doch klicken die User überhaupt noch, wenn es nicht blinkt und piept?

Die Macher von Brave behaupten: Ja! Die User würden, wenn sie selbst entscheiden könnten, ob sie eine Werbung überhaupt sehen möchten, den Werbeeinblendungen länger ihre Aufmerksamkeit schenken und so würden die Streuverluste für Werbetreibende deutlich verringert. Brave spricht von einer Klickrate von durchschnittlich 22,3%, also klickt im Schnitt jeder fünfte Nutzer, dem eine Werbung in Form einer schlichten Benachrichtigung angezeigt wird, auch darauf. Bei heute gängigen Werbenetzwerken liegt die Klickrate in der Regel bei 1–3%.

Laut Gründer und Geschäftsführer Brendan Eich, ehemals Chef der »Mozilla Corporation«1, soll zudem »bei 28% der erfolgten Klicks die Aufenthaltsdauer auf den Seiten, auf die die Werbung führt, mindestens 10 Sekunden betragen haben. Normalerweise verbringen User wesentlich weniger Zeit auf dieser sogenannten Landingpage.

Ein weiterer Vorteil für Nutzer: Durch die Interaktion mit den eingeblendeten Werbeanzeigen können sie auch selbst virtuelles Geld verdienen. Das Belohnungsprogramm »Brave Rewards« setzt dazu auf digitale Wertmarken2, die über Partnerprogramme etwa gegen Restaurant-Gutschriften, Übernachtungen bei beteiligten Hotelketten oder Geschenkgutscheine von Firmen wie Amazon oder Apple eingetauscht werden können. Ein Payback-Programm fürs Internetshopping, sozusagen.

Je mehr Aufmerksamkeit der User einem Werbeangebot widmet, desto mehr Tokens bekommt er auf sein Konto gutgeschrieben. Laut Brave sollen so 70% der Gesamtwerbeeinnahmen an den User gehen, die übrigen 30% landen bei Brave.

Brave Software hat allerdings angekündigt, dieses Modell Ende des Jahres noch einmal zu ändern – zugunsten der Seitenbetreiber. Für den Moment geht es Brave wohl noch darum, möglichst viele Benutzer anzulocken, mit der bevorstehenden Änderung will Brave dann wohl für die Seitenbetreiber attraktiver werden3.

Brave speichert deine Daten nur lokal
Die zweite große Stärke gegenüber den »großen« Browsern ist der Datenschutz. Wie bei klassischen Werbenetzwerken üblich, wertet auch Brave das Surfverhalten der Nutzer aus, um passgenaue Anzeigen liefern zu können. Laut dem Hersteller verlassen die persönlichen Daten des Benutzers aber zu keinem Zeitpunkt den lokalen Browser – auch nicht in die Cloud von Brave Software.

»Privacy-preserving ads« nennt der Hersteller das dahinterstehende Konzept. Die Nutzer werden zwar durchleuchtet, aber nur von ihrem lokalen Rechner aus. Wenn sie den Browserverlauf wieder löschen4, ist also das über sie gesammelte Wissen wieder verschwunden.

Das verhindert auch Situationen, wie sie bei Software der großen Konzerne immer wieder vorkommen: Diese erheben zugleich Daten in sensiblen Kategorien wie Krankheit, Sexualität oder politische Einstellung.

Das kann mitunter zu fragwürdigen Suchergebnissen und Werbeeinblendungen führen: Wer sich über die schwere Krankheit der Mutter informiert, könnte Bücher zum Thema Sterbehilfe angeboten bekommen. Wer etwas über »Queerness« liest, könnte fortan mit »besonderen« Tourismusangeboten versorgt werden. Und wer einmal auf der Website der AfD recherchiert, wird mit Modelabeln oder Pressepublikationen aus der rechten Ecke in Verbindung gebracht. Keine schöne Erfahrung.

Reicht das für den Angriff auf Google?
Hat Brave nun das Zeug dazu, Chrome gefährlich zu werden?

Brave wirkt auch nach fast 4 Jahren Entwicklungszeit noch unfertig. Der Browser ist schnell, doch der Komfort, den Nutzer von Chrome oder Firefox gewöhnt sind, fehlt: Es gibt nur wenige Plugins, grundlegende Funktionen wie ein Button, mit dem sich Seiten spontan als Lesezeichen hinzuzufügen lassen, werden erst nach und nach hinzugefügt5. Und das ein oder andere Banner huscht noch immer unter dem Radar hindurch und durchbricht die weiße Stille beim Surfen.

Für Technikfreunde, denen Datenschutz wichtig ist und die die Übermacht von Google und Co. als Bedrohung wahrnehmen, ist Brave definitiv eine Alternative. Um Chrome und Firefox ernsthaft Konkurrenz zu machen, muss der Browser allerdings noch ein paar Schippen drauflegen bei der Benutzerfreundlichkeit.

—-
1 – Mozilla ist bekannt für seinen Browser »Firefox« und das E-Mail-Programm »Thunderbird«. Die Open-Source-Software »Firefox« hatte vor 10 Jahren noch einen Marktanteil von rund 1/3, hat inzwischen aber viel auf Google Chrome verloren und wird heute noch von etwa jedem zehnten Nutzer zum Surfen genutzt.

2 – Die sogenannten BAT-Tokens werden im Browser-eigenen Wallet hinterlegt, einer Art digitalem Geldbeutel. Hier kann der User auch Kryptowährungen (Bitcoin, Ethereum, BAT-Tokens, Litecoin) einzahlen. Über eine »Auto Pay«-Funktion lässt sich ein fester Betrag festlegen, der monatlich an die Publisher überweisen wird. Auch Extra-»Trinkgelder« für die eigenen Lieblingswebsites sind möglich.

3 – Laut Brave Software nehmen derzeit über 28.000 verifizierte Seitenbetreiber am »Brave Ads Certified Vendor Program« von Brave teil, darunter auch prominente Vertreter wie die britische Tageszeitung »The Guardian« oder die amerikanischen Tageszeitungen »Washington Post« und »LA Times«.

4 – Ein weiterer Vorteil: Brave Software verspricht Seitenbetreibern außerdem Konformität mit der e-Privacy-Verordnung der EU, die 2020 verabschiedet werden soll. Mit der Verordnung soll der Datenerhebung mittels Cookies noch deutlichere Grenzen gesetzt werden.

5 – Die Lesezeichen-Schnell-Funktion etwa fehlte noch zu Beginn der Recherche für diesen Text, stand nach einem Update aber plötzlich zur Verfügung.

Link